Die Größen von Armeen

22 Mai

Bereits zu Zeiten der Perserkriege im 5. Jahrhundert v. Chr. bekämpften sich zehntausende Griechen und Perser, manch ein griechischer Geschichtsschreiber behauptete sogar, das die Armeen der Perser über 100.000 Mann bis hin zu mehreren Millionen zählten.

Die Heeresgrößen blieben jedoch im Laufe der Antike nicht gleich. Die Ausmaße der Perserkriege wurden erst wieder zur Zeit von Alexander dem Großen erreicht, dessen Krieg mit dem Perserkönig Darius III. teils unter Einsatz hunderttausender Soldaten stattfand wie z.B. als sich die beiden 331 v. Chr. in der Schlacht bei Gaugamela gegenüberstanden. 240.000 – 1.200.000 Perser standen 47.000 Griechen gegenüber. Auch die römischen Legionen, die wohl zu den bekanntesten Heeren der Antike zählen, stellten Heere auf, die sich für gewöhnlich im Bereich der Zehntausende bewegte. So beschrieb der Geschichtsschreiber Polybius im Jahre 204. v. Chr. den Sieg von 20.000 Römern über ein größeres karthagisches Heer. Die Größe des römischen Heeres wurde im Laufe von diversen Bürgerkriegen immer weiter erhöht, bis kurz vor der Heeresreform des Augustus 61 Legionen mit je mehreren tausend Mann die Armee stellten.
Augustus entließ über 300.000 Soldaten, und schuf das erste tatsächliche Berufsheer aus 28 Legionen zu 5120 Soldaten. Diese Reform wurde beibehalten, jedoch war das römische Heer durch die konstanten Bürgerkriege so geschwächt, das es den Völkerwanderungen des 5. Jahrhunderts nichts mehr entgegenstellen konnte. Die Legionen waren im Laufe der letzten Jahrzehnte der römischen Herrschaft immer zahlreicher geworden, schrumpften jedoch häufig auch auf unter 1000 Mann.

Mit dem Ende Roms verschwand auch das stehende Heer und die Lehensheere des Mittelalters hielten Einzug. Die Größe von „Heeren“ zu ermitteln fällt speziell in diesem Zeitraum sehr schwer, da es „Heere“ als solche nicht gab. Mittelalterliche Herrscher riefen bei Bedarf ihre Gefolgschaft zusammen, selten mehr als ein paar tausend Mann. Im Jahre 955 stellte sich das Heer Ottos I. mit einem für damalige Zeiten gewaltigen Heer von 10.000 Mann den immer wieder in das Reich einfallenden Ungarn entgegen, deren Zahl auf 20.000 in einigen Quellen auf bis zu 200.000 geschätzt wird. Während des ersten Kreuzzuges soll laut dem als verlässlich geltenden Geschichtsschreiber Fulcher von Chatres ein Heer von 600.000 Kreuzfahrern vor den Toren Konstantinopels gestanden haben. 1144, während des zweiten Kreuzzuges, behauptet der Byzantinische Geschichtsschreiber Johannes Kinnamos, dass die Byzantiner die Kreuzfahrer, welcher den Bosporus überquerten, bis zur 900.000 zählten, bevor sie erschöpft abbrachen. Diese Zahlen sollten jedoch mit einem gewissen Maß an Zweifel gesehen werden, da Übertreibungen in der christlichen Geschichtsschreibung keine Seltenheit darstellen. Das größte, reine mittelalterliche Heer soll Eduard III. bei der Belagerung von Calais aufgebracht haben. 32.000 Soldaten folgten ihm in den Kampf. Die klassischen Vasallenheere verschwanden erst im Spätmittelalter zusehends, da sich Könige und Fürsten immer mehr genötigt sahen, Söldner in ihren Dienst zu übernehmen. Hieraus gingen wiederum die sogenannten Landsknechtheere hervor, welche die traditionellen Ritterheere verdrängten und auch in der Lage waren, sie effektiv zu bekämpfen. Die günstigere Aufstellung dieser Heere ermöglichte in der frühen Neuzeit das Stellen von zahlenmäßig weitaus größeren Armeen, die erneut an die Ausmaße antiker Kriegsführung herankamen. Bei der Belagerung Konstantinopels 1453 führte Mehmed II. ein Heer von 80.000 türkischen Soldaten an die Mauern der Stadt. Die Verteidiger konnten nur 10.000 Mann aufbieten. Mit der schlussendlichen Eroberung der Stadt begann die Zeit der osmanischen Bedrohung Mitteleuropas. Die Osmanen sollten für fast die gesamte Dauer der frühen Neuzeit die größten Heere Europas stellen, welchen die Europäischen Söldnerheere teils kaum etwas entgegenstellen konnten. So stellte das Osmanische Reich 1683 ca. 200.000 Mann zur Belagerung Wiens. Zeitgleich verfügte der römisch deutsche Kaiser über eine Feldarmee von ca. 55.000 Mann. Dies entsprach zwar nicht den vollen Kapazitäten des Reiches, doch der vorangegangene dreißigjährige Krieg hatte Europa und besonders die deutschen Gebiete verwüstet und entvölkert. Insgesamt umfasste das Entsatzheer Wiens mit Unterstützung Polens 67.750 Soldaten.

Mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts veränderten sich die Armeen erneut. Die trotz aller Verbesserungen immer noch hochgradig ungenauen Musketen wurden in Reihenformationen gleichzeitig abgeschossen, um mittels einer Wirkung die am ehesten mit einer Schrotflinte zu vergleichen ist, ein möglichst großes Schockpotential zu erreichen. Heere bestanden in diesem Zeitraum meistens aus mehreren Zehntausend Mann, welche häufig im Kriegsfall zwangsverpflichtet, aufgestellt, gedrillt und in die Schlacht geschickt wurden. Als Beispiel standen sich bei der Schlacht von Poltawa des großen nordischen Krieges von 1700 bis 1721 auf Seite der Schweden 20.000, auf Seiten der Russen ca. 40.000 Mann gegenüber. Napoleon stellte schlussendlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts das größte Heer dieser Art. Seine „Grande Armée“ umfasste 700.000 Mann aus ganz Europa. Nachdem für ihn vernichtenden Russlandfeldzug besiegelte die Völkerschlacht bei Leipzig seine Niederlage schließlich, 160.000 Franzosen wurden von 295.000 Alliierten Soldaten besiegt, Napoleon entmachtet und verbannt.

Nach dem Wiener Kongress 1815 veränderte sich das Bild Europas nachhaltig. Aus den Kriegen der Könige wurden alsbald die Kriege der Nationen, größer, tödlicher, absoluter und mörderischer in ihrer Durchführung. Im deutsch-französischen Krieg 1871 stiegen die Zahlen der eingesetzten Truppen beidseitig erstmals in die Millionen (1.500.000 Franzosen und 1.000.000 Deutsche). Der erste industrielle Krieg zwischen Russland und Japan 1904-1905 sah einen ähnlichen Umfang. Doch erst der erste Weltkrieg 1914-1918 sollte zeigen, welches Grauen der moderne Krieg zu entfalten vermochte. 12.500.000 Soldaten kämpften in diesen vier blutigen Jahren für das Kaiserreich, ein Aufgebot, das kein Krieg der Weltgeschichte bisher gefordert hatte, alle anderen Kriegsparteien führten ähnliche Mengen an Menschen in den Kampf.

Dieser Spur der Zerstörung folgte der zweite Weltkrieg, der bis heute größte jemals geführte Konflikt der Menschheitsgeschichte. Im Laufe dieses Krieges standen über 110 Millionen Menschen unter Waffen, am Hochpunkt des Krieges zählte die Deutsche Armee 9.020.000 Soldaten. Über 17.000.000 Soldaten sollten im Laufe des Krieges auf deutscher Seite kämpfen. Die Sowjetunion führte 1945 über 12 Million Soldaten nach Deutschland. Es sind Ausmaße, die bisher in der Geschichte unerreicht waren und auch niemals wieder erreicht wurden. Der darauffolgende „kalte Krieg“ sah, bedingt durch die Atombombe ein fortschreitendes schrumpfen der Wichtigkeit konventioneller Kriegsführung. Heere wurden kleiner, jedoch umso besser ausgebildet und ausgerüstet. Die Bundeswehr zählt nach dem Stand des 19.05.2017 178.179 aktive Soldaten. Das größte moderne Heer stellt China, mit 2.5 Million aktiven Soldaten.

Quellen:

Encyclopedia of War

Enzyklopädie der Neuzeit

Lexikon des Mittelalters

Häusler, Wolfgang: Von der Grande Armée Napoleons bis zum Untergang der k.u.k. Armee, Münster, 2004

Hiestand, Rudolf: Christianitas und Islam. Die Kreuzzugsheere des 12. und 13. Jahrhunderts, Münster, 2004

Neitzel, Sönke: Hitlers Europaarmee und der “Kreuzzug” gegen die Sowjetunion, Münster, 2004,

Salewski, Michael: Europa schlägt zurück: Die Erhebung der Völker gegen Napoleon, Münster, 2004

Sirjacques-Manfrass, Francoise: Entente-Armeen im Ersten Weltkrieg, Münster, 2004

Zgórnak, Marian: Europäische Allianzarmeen: Das osmanische Problem, Münster, 2004

Eigene Aufzeichnungen von einem Besuch in Verdun im April 2017


Bernd Uhlig, 4. Fachsemester Geschichte (B.A.).