Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten

12 Jun

Im Winter 1944/45 suchen etwa 12 Millionen Deutsche eine neue Heimat. Hunderttausende fliehen aus den deutschen Ostgebieten vor der anrückenden Roten Armee nach Westen. Bald darauf beginnen auch die gewaltsamen Vertreibungen deutscher Minderheiten aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa. Mit nur wenigen Habseligkeiten im Koffer treten sie den Weg in eine ungewisse Zukunft an. Kälte, Hunger, Krankheit und Angst begleiten die Menschen auf ihrer wochen- und teilweise monatelangen Flucht. Viele Familien werden auseinandergerissen und sind bis heute auf der Suche nach Angehörigen.
Im „kollektiven Gedächtnis“ der Deutschen gewannen die Ereignisse um die Flucht und Vertreibung aus den historischen deutschen Ostgebieten in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung. Fernsehfilme wie „Die Flucht“ und zahlreiche literarische Werke wie die Novelle „Im Krebsgang“ von Günter Grass erzeugten ein großes Interesse und führten zu Diskussionen in der breiten Öffentlichkeit.
In der Forschung gelten die Ereignisse und Folgen der Flucht und Vetreibung bis heute als ein relativ junges und sensibles Thema. Schwierig wird es besonders, wenn es um die Rekonstruktion der Opferzahl von Flucht und Vertreibung und um die Deutung dieses Verlustes geht. Von offizieller Seite, sowohl von PolitikerInnen als auch von VertreterInnen der Vertriebenen- und Opferverbände, ist bisweilen die Rede von rund 2 Millionen Opfern. Bereits seit den 50er Jahren bestehen allerdings Zweifel an diesen Angaben, dennoch findet sich diese Zahl in zahlreichen wissenschaftlichen Standardwerken wieder und eine ernsthafte fachwissenschaftliche Diskussion bleibt lange Zeit aus. Der deutsche Historiker Ingo Haar widmet sich 2009 erneut der Diskussion um die amtlichen Zahlen und kommt bei seinen Untersuchungen dabei selbst auf ein Ergebnis von „nur“ einer halben Millionen Opfer. Aber wie kommen diese unterschiedlichen Ergebnisse zu Stande? Und warum ist es überhaupt so wichtig die Frage nach den genauen Zahlen zu klären?

Will man die Anzahl der Menschen bestimmen, die unmittelbar auf der Flucht und durch Vertreibung oder in Folge dessen ums Leben kamen, so stößt man zunächst auf zahlreiche Probleme bei der Beschaffung des Datenmaterials und stellt fest, dass die meisten Zahlen in den Berechnungen lediglich geschätzt werden können. Dieses Problem soll am Beispiel einer Studie des Statistischen Bundesamtes im Auftrag der Bundesregierung aus dem Jahr 1958 verdeutlicht werden.
Die Studie unter dem Namen „Die deutschen Vertreibungsverluste: Bevölkerungsbilanzen für die deutschen Vertreibungsgebiete 1939/50“ soll eine größenordnungsmäßige Vorstellung von der Höhe der Opfer liefern. Ausgangspunkt der Berechnungen ist der Stand der deutschen Bevölkerung in den einzelnen Vertreibungsgebieten bei Kriegsbeginn 1939. Als Endpunkt ist der Stand im Herbst 1950 festgelegt. Daraus ergibt sich dann eine Differenzbildung zwischen der Ausgangszahl von 1939 und der Vertriebenenzahl von 1950 und somit die Zahl der Personen, deren Verbleib unklar ist. Um den De-jure-Stand, also den Soll-Stand, der deutschen Bevölkerung bei Kriegsende zu ermitteln, wird zunächst die Bevölkerungsentwicklung während des Krieges und der Umfang der militärischen Kriegsverluste festgestellt. Im Folgenden wird versucht die Zahl der in der Heimat zurückgebliebenen und zurückgehaltenen deutschen Bevölkerung im September 1950 zu bestimmen und die Zahl der noch lebenden deutschen Kriegsgefangenen, Zivilinternierten und Vermissten zu schätzen. Daraus ergeben sich dann die „ungeklärten Fälle“, die in der Untersuchung als „Nachkriegsverluste“ und „Vertreibungsverluste“ interpretiert werden.
Ausgehend von dem Stand der deutschen Bevölkerung im Mai 1939 ergibt sich für die unter fremder Verwaltung stehenden historischen deutschen Ostgebiete Ostpreußen, Ostpommern, Ostbrandenburg und Schlesien eine Zahl von insgesamt 2.006.200 Kriegs- und Nachkriegsverlusten. Das sind laut Berechnung 20,9 % der ursprünglichen deutschen Bevölkerung von 1939.
Quellen für diese Berechnungen und Schätzungen sind unter anderem Zahlen aus den Ergebnissen der in der Bundesrepublik durchgeführten amtlichen Registrierung der deutschen Kriegsgefangenen und Vermissten vom Herbst 1950 und Angaben des Deutschen Roten Kreuzes. Ein Problem gibt es vor allem bei der Feststellung der Zahl der in der Heimat Verbliebenen und Zurückgehaltenen. Denn amtliche und offizielle Mitteilungen aus den Staaten, aus denen aufgrund des Potsdamer Abkommens Deutsche ausgewiesen werden sollten oder die am Abschub der Deutschen interessiert waren, nannten nachweislich zu niedrige Zahlen. Gründe dafür können möglicherweise sein, dass Deutsche unter der Bedrohung unentdeckt bleiben wollten oder das viele noch in Lagern festgehalten wurden.
Weitere Probleme bei der Datenerhebung sind außerdem, dass gegen Ende des Krieges eine vollständige Registrierung der Geburten- und Sterbefälle nicht mehr möglich war, da die Bevölkerung sich durch Evakuierungen, Verlagerungen von Betrieben und Verwaltungen und in Folge von Flucht sehr stark in Bewegung befand. Fast alle Standesamtregister aus den Vertreibungsgebieten sind bei Kampfhandlungen oder Nachkriegsereignissen verloren gegangen oder waren nicht mehr zugänglich. Es war zu diesem Zeitpunkt also schier unmöglich, die in den Vertreibungsgebieten beheimateten Deutschen individuell vollständig und zahlenmäßig genau zu erfassen.

Der Historiker Haar kritisiert in seiner Untersuchung aber nicht nur die Berechnungen der Bilanzen der „Vertreibungsverluste“, sondern weist vor allem auch auf die politische Instrumentalisierung der Opferzahlen hin. Bis in die 70er und 80er Jahre hinein sieht er das Erkenntnisinteresse bei der Rekonstruierung der Opferzahlen überwiegend darin dem Zweck zu dienen, die Abwehr potentieller Reparationsansprüche Polens und anderer ost- und mittelosteuropäischer Staaten zu rechtfertigen. „Zur Erzielung einer „Opfersymmetrie“ sollte die Zahl der „eigenen“, deutschen Opfer den „fremden“ Gewaltopfern des Zweiten Weltkrieges entgegengestellt werden“, so Haar. Durch diese außenpolitische Instrumentalisierung der Zahlen ensteht für ihn eine fatale Geschichtskonstruktion, die den historischen Kontext völlig ausblendet. Für ihn gilt außerdem: „Wer diese Zahlen der Vergangenheit heute reaktiviert, wird auch in Verbindung mit den historischen Zielen gebracht, die sie damals bezweckten: die Rückkehr Deutschlands in den Grenzen von 1937, und damit die Rücknahme der staatlichen Souveränität der nach 1945 rekonstruierten Staaten Ost- und Mitteleuropas.“

Weiterführende Literatur

Baghdady, Anne/ Haunhorst, Regina/ Würz, Markus: Flucht und Vertreibung, in: Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: https://www.hdg.de/lemo/kapitel/nachkriegsjahre/alltag/flucht-und-vertreibung.html

Beer, Mathias: Flucht und Vertreibung der Deutschen. Voraussetzungen, Verlauf, Folgen, München 2011.

Douglas, R. M.: „Ordnungsgemäße Überführung“. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, übersetzt von Martin Richter, München 2012.

Haar, Ingo: Die deutschen „Vertreibungsverluste“- Forschungsstand, Kontexte und Probleme, in: Mackensen, Rainer/ Reulecke, Jürgen/ Ehmer, Josef (Hrsg.): Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts „Bevölkerung“ vor, im und nach dem „Dritten Reich“. Zur Geschichte der deutschen Bevölkerungswissenschaft, Wiesbaden 2009, S.363 – 382.

Overmans, Rüdiger: Zahl der Vertreibungsopfer ist neu zu erforschen. Historiker bezweifeln offizielle Zahlen, in: Deutschlandfunk,URL:
http://www.deutschlandfunk.de/zahl-der-vertreibungsopfer-ist-neu-zu-erforschen.html

Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Die deutschen Vertreibungsverluste. Bevölkerungsbilanzen für die deutschen Vertreibungsgebiete 1939/50, Stuttgart 1958.


Saskia Stolte, 4. Fachsemester Geschichte (B.A.).