Gewalt in der Frühen Neuzeit

10 Jul

Die Menschen halten die Welt die sie umgibt heute für besonders gefährlich. Berichte über die Bedrohung durch den internationalen Terrorismus, über gewaltsame Morde, Überfälle, Vergewaltigungen, Angriffe auf Minderheiten, kriegerische Konflikte und immer stärkere Atomwaffen flimmern jeden durch unsere Wohnzimmer, können jederzeit am Computer oder Smartphone nahezu real werden. Der gewaltsame Tod scheint allgegenwärtig, jeden Tag werden neue menschliche Abgründe aufgedeckt.
Aber ist die Welt wirklich gefährlicher? Ist Gewalt zu einem Teil unseres Alltags geworden? Sind die Menschen heute gewalttätiger? Oder anders gefragt: waren vergangene Zeiten friedlicher? Um diese Frage zu beantworten gehen wir zurück in die frühe Neuzeit – die Zeit, in der unsere moderne Welt ihren Anfang findet. Das Bild dieser Zeit ist geprägt durch die Renaissance, den Humanismus, die Entdeckung Amerikas, die Erfindung des Buchdrucks und der Reformation. Damit wird allgemein ein Geist des Aufbruchs, der Gelehrsamkeit und Entwicklungen verbunden. Auf den ersten Blick, vor allem in Abgrenzung des Mittelalters mit Rittern und Kreuzzügen, scheint diese neue Zeit sehr friedlich gewesen zu sein.
Und doch war Gewalt in dieser Zeit nicht ungewöhnlich, sondern alltäglich.
Fast ununterbrochen herrschte Krieg in Europa: Die sogenannte Reconquista endete erst 1492, der Hundertjährige Krieg tobte bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts, die Niederlande kämpften erst gegen die Hanse, dicht gefolgt von zwei Bürgerkriegen, in Deutschland gab es Bürgerkriege aus sozialen und religiösen Motiven, in Litauen herrschte Krieg wegen der Thronfolge, der Deutschritterorden kämpfte gegen die Polen, die Ungarn gegen die Türken, dazu kamen vier Kreuzzüge gegen die Anhänger von Jan Hus, Böhmen und Ungarn bekriegten sich 10 Jahre lang, die Bürgerkriege in England und der 30jährige Krieg. Hinzu kamen lokale Streitigkeiten, die gewaltsam gelöst wurden, die Hexenverfolgung seit Ende des 16. Jahrhunderts, die Inquisition der katholischen Kirche und Verfolgung religiöser Minderheiten.

Im Folgenden soll es um die individuelle Gewaltkriminalität gehen, oder deutlicher ausgedrückt: um Mord und Totschlag.
Ein genaueres Bild erhält man, wenn man sich die Gerichtsakten zur Hilfe nimmt, die heute noch erhalten sind – beispielsweise die der Stadt Köln: Gerd Schwerhoff hat 1991 mit der Auswertung der Turmbücher in seiner Studie „Köln im Kreuzverhör […]“ aus den überlieferten Gerichtsakten die Anzahl und die Hintergründe individueller Gewalttaten ermitteln können.
In den Jahren 1515 bis 1522 wurden 59 Menschen wegen Gewalt angeklagt und 17 Menschen wegen Totschlags – was immerhin 23,1% bzw. 6,6% der gesamten Anklagen ausmacht. Die Anklagen wegen Gewalt stellen damit die größte Gruppe da, erst gefolgt mit 17,7% Eigentumsdelikten.
Ein ähnliches Bild zeigt die Auswertung der Gerichtsakten des Fürstbistums Münster. Magarete Wittke wertete im Jahr 2002 die Aufzeichnungen der Jahre 1580 – 1620 aus. Dabei ließen sich insgesamt 168 Todesdelikte verzeichnen – knapp 5 Taten pro Jahr.
Woher kam diese Gewalttätigkeit, aus welche Motiven haben die Täter gehandelt und wer waren die Opfer? Auch diese Fragen lassen sich durch die Gerichtsakten beantworten.
Wenn Gruppen als Täter angeklagt worden sind handelt es sich dabei zum Teil um aus dem Dienst entlassene, umherziehende Soldaten. Den weitaus größeren Teil machen jedoch gemeinsame Tötungsdelikte mit dem Motiv der Selbstjustiz aus, dies ist vor allem in ländlichen Gegenden häufiger der Fall. Bei Taten eines Einzeltäters fällt auf, dass der Anteil der Frauen deutlich geringer ist als der der Männer (Münster: 2,38%, Köln 5,6%), sich aber zwischen Stadt- und Landbevölkerung noch einmal stark unterscheidet.
Meist gehörten Täter und Opfer der selben gesellschaftlichen Gruppen an. In 11% der Fälle in Münster waren die Opfer mit dem Täter verwand, dabei war die Tötung von männlichen Verwandten häufiger. Gewalt äußerte sich spontan, in den meisten Fällen ist eine Tötung im Affekt nach einer vorherigen gewaltsamen Auseinandersetzung dokumentiert.
Deutlich wird, dass die frühe Neuzeit alles andere als friedlich war. Gewalt gehörte zum Leben der Menschen, sowohl politisch als auch im persönlichen Umfeld.
Verschiedene Studien der historischen Kriminologie zeigen, dass die Gewalttaten und Mordraten in den Jahrhunderten immer stärker abgenommen haben.
Während man heute davon ausgeht, das im Mittelalter ca. 40 bis 45 Opfer eines gewaltsamen Todes auf 100 000 Menschen kamen, sind es im 16. Jahrhundert in Deutschland ca. 25. Seit dem ist ein stetiger Abwärtstrend zu erkennen.
Eine mögliche Erklärung legte der Soziologe Norbert Elias 1939 in seinem Buch „Über den Prozess der Zivilisation“ dar: Durch die Übernahme neuer sozialer Regeln und eine größere Wertschätzung der Etikette sei das brutale Verhalten der Menschen zurückgegangen.
Im Jahr 2011 hat Steven Pinker in seinem Buch „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“ diese Theorie noch einmal aufgenommen und zwei Auslöser als grundlegende Ursachen vorgeschlagen: Zum einen eine „wirtschaftliche Revolution“, während der die Menschen den Handel und die Vorteile eines regen Handelsverkehrs erkannt hätten, zum anderen die erstarkende staatliche Gerichtsbarkeit und ihr wachsendes Gewaltmonopol.
Die heutige Zeit ist also nicht unberechenbarer und gefährlicher als früher.
Die Welt erscheint nur bedrohlicher – durch Medienberichte mit Live-Schaltungen von zerbombten Kriegsschauplätzen und blutüberströmten Tatorten. Gerichtsverfahren besonders grausamer Fälle werden im Fernsehen übertragen – die Täter sind uns heute näher und scheinen menschlicher als je zu vor. Kleinteilige Reportagen und öffentliche Beileidsbekundungen in sozialen Netzwerken, Interviews mit Angehörigen lassen eine neue emotionale Bindung zu und die Distanz verschwinden.


Xenia Aylin Zinßer, 4. Fachsemester Geschichte (B.A.).