Klima in der frühen Neuzeit

12 Jun

Warum sollte man sich mit dem Klima der Frühen Neuzeit beschäftigen, wenn das Thema Umweltprobleme erst mit der Nutzung nicht regenerativer, fossiler Ressourcen begonnen hat und heute aktueller ist denn je. Durch die gegenwärtige Klimadiskussion und die Prognose einer globalen Erderwärmung wird die Umweltgeschichte Europas seit der Industrialisierung zunehmend aufgegriffen und diskutiert. Doch welche Rolle spielt dabei die Frühe Neuzeit?
Tatsächlich beginnt mit dem Übergang vom Mittelalter in die neue Epoche, auch das Zeitalter der regelmäßigen Wetteraufzeichnung. Die Anfänge regelmäßiger Beobachtungen von Temperatur, Niederschlag und Sonneneinstrahlung liegen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. So begann beispielsweise Galileo Galilei bereits 1577 mit der Messung der Lufttemperatur. Zwar kannte man Wetteraufzeichnungen seit der Antike und dem Mittelalter, allerdings handelte es sich dabei um Notizen von besonderen Wetter- und Himmelserscheinungen, wie Überschwemmungen oder extreme Gewitter. So existieren für das Früh- und Hochmittelalter meist nur Beschreibung von Anomalien und Naturkatastrophen. Aus dem Zeitraum von 1300- 1500 liegen schon durchgehende Schilderungen der Jahreszeiten vor, bis man dann in der frühen Neuzeit auf detaillierte Ausführungen der monatlichen, teilweise auch täglichen Witterung zurückgreifen kann. Seit Mitte 1500 erlangten die sogenannten Prognostiken an Bedeutung. Anhand der antiken Astrologie versuchten die Prognostikenschreiber nicht nur kriegerische Verläufe der kommenden Jahre, sondern auch Naturkatastrophen vorher zu sagen. Dies beruhte zunächst auf der Prognose der jeweiligen Planetenkonstellation. Zeitgleich erlangten sogenannte Bauernpraktiken an Popularität, welche kurzfristig das Wetter vorhersagten. Diese Praktiken bestanden aus einer Mischung von bis dato ausschließlich mündlich überlieferten Bauernregeln und astrometeorologischen Spekulationen. Zudem entwickelte die Gesellschaft im Zuge der Renaissance ein ausgeprägtes Interesse an der Natur und an der Naturwissenschaft. Die Analyse von Naturphänomenen bildete auch Hintergrund für die seit dem 16. Jahrhundert immer beliebter werdende Praxis der regelmäßigen Wetterbeobachtung. Schriftliche Notizen dieser Art finden sich sowohl in den damals populär werdenden Schreibkalendern als auch in den persönlichen Aufzeichnungen und Witterungstagebücher. Dazu kommt, dass durch den Anstieg der Interesse an Astronomie und Astrologie, sich astronomische Kalender verbreiteten, bei denen auch Wetterbeobachtungen mit eingetragen werden konnten. Auch Schiffstagebücher sind aufschlussreich, sie verzeichneten unter anderem Windrichtung- und stärke sowie den Niederschlag. Bis vor 120 Jahren wurde angenommen, dass das Klima einen konstanten Ablauf habe. Er seit den 1950er Jahren konnte die Wissenschaft klimatische Veränderungen belegen, die oft innerhalb weniger Jahrzehnte aufeinanderfolgten. So haben Forscher in den letzten dreißig Jahren, aufgrund wachsendes Interesse an Umweltgeschichte, begonnen Schrift- und Sachquellen zu evaluieren und auf deren Basis die Witterung- und Klimaverhältnisse seit dem Beginn der Neuzeit zu rekonstruieren. Neben Schrift- und Sachquelle liefern die Analyse von Baumringen, fossile Pollen, Gletscherablagerung und
Volumen- und Zuckergehalt von Weinmosternten, Vereisung von Gewässern sowie Bildquellen, wie Markierungen von Hoch- und Niedriggewässern, Zeugnis über die „Wetternachhersage“.

Ab 1560 beginnt die Durchschnittstemperatur deutlich zu sinken, die Abkühlung erfasste zunächst den Sommer und dann sukzessive auch den Winter und den Frühling. Die sichtbarste Begleiterscheinung war der markante Vorstoß der Alpengletscher und der Rückgang der Jahresmitteltemperatur von 1,5 bis 2 Grad Celsius in der gesamten Nordhemisphäre von 1580 bis 1750. Die historische Klimatologie bezeichnet diesen Zeitraum als „kleine Eiszeit“, eine Art Abkühlungsphase nach einer mittelalterlichen Warmperiode. Ab der Mitte 18. Jahrhundert soll das Klima wieder wärmer geworden sein, bevor nach 1800 nochmals eine markante Kühlung einsetzte, die erst 1900 von einer neuen Phase der Wiedererwärmung abgelöst wurde und bis in die Gegenwart anhält.

Die Wissenschaft hat sich bisher nicht auf eine einheitliche Periodisierung der „kleinen Eiszeit“ einigen können. Und es steht immer noch die Debatte offen, ob es sich wirklich um globale oder nur lokale Ereignisse handelt. Trotzdem lässt sich das 16. Jahrhundert in grob drei Abschnitte gliedern, die diesen Klimawandel darstellen:
1500 – 1530 sind die Winter wechselhaft, der Sommer wird kühler und feuchter, es kommt zu Sturmfluten an der deutschen und holländischen Küste, denen Tausende von Menschen zum Opfer fallen und die den Küstenverlauf stark verändern.
1530- 1560 herrschen kalte, trockene Winter, es kommt eher zu einer kleinen Warmzeit mit einem warmen Frühling. Es gibt noch keine Hinweise auf eine Eiszeit, 1540 herrschen fast subtropische Verhältnisse mit Dürre/Wassermangel. Ab 1560 kommt es dann zu einer Klimaverschlechterung, die Temperatur sinkt in allen Jahreszeiten um mehr als 1 Grad, eine hohe Niederschlagsrate selbst im Hochsommer und sehr kalte Winter.
Ab 1580 stoßen die Alpengletscher vor, nehmen in 20 Jahren ein Kilometer zu. Zeitgenossen vermerken besonders kalte und länger werdende Winter, der Bodensee friert vollständig zu.
Die Klimaverschlechterung hält bis 1630 und wird erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts besser.
Die Erklärungsversuche der kleinen Eiszeit sind immer noch spekulativ. Man geht anhand der Messung von der Sonnenaktivität davon aus, dass diese Klimawende im Zusammenhang mit verringerter Sonneneinstrahlung steht. Darüber hinaus wurde eine gesteigerte Vulkanaktivität mit gehäuften Vulkanerruptionen gemessen. So kam es in dem Zeitraum ungewöhnlich oft zu starken Vulkanausbrüchen, bei denen Aschepartikel/Gase ausgesetzt wurden, die einen Staubschleier bildeten, wodurch sich die Sonneneinstrahlung auf die Erde verminderte. Das damals immer breiter werdende Sortiment astrometeorologischer Literatur in Form dieser Bauernpraktiken und Prognostiken provozierte auch Widerspruch von Gelehrten. Bei ihnen wuchs das Interesse, derartige Prophezeiung anhand regelmäßiger Wetterbeobachtungen kritisch zu überprüfen. Anstelle astronomischer Spekulationen stand das Streben nach rationeller Wetteranalyse. So entwickelte sich ein ganz neuzeitliches, empirisches beobachtendes Verhältnis zu den Erscheinungen der Umwelt. Anstelle der religiös-symbolischen Vorhersagen des Mittelalters wurde die Beobachtungen nüchterner und kritischer. Exemplarisch hierfür sind die Aufzeichnungen des Luzerner Kirchenreformer, Apotheker und Historiker Renward Cysat (1545-1613). Er notierte von 1570 – 1613 in insgesamt 22 Bänden akribisch sämtliche Witterung- und Klimabeobachtungen. Seine Aufzeichnungen dienen als maßgebliches Zeugnis für die Klimaentwicklung der frühen Neuzeit. Trotz dieses Fortschreiten rationaler Wetteranalyse und das steigende Interesse zur Naturwissenschaft interpretierten fromme Zeitgenossen, die „kleine Eiszeit“ als notwendige Endphase vor der glorreichen Wiederkunft Christi. Seit 1560 war man zudem überzeugt die Umweltprobleme könnten mit der Hexenverfolgung bekämpft werden. Generell führt die Geschichtswissenschaft die Krisen des 17. Jahrhundert, u. a. die säkulare Inflation, konfessionelle- politische Auseinandersetzung, Instabilität und die Etablierung des modernen Terriotorialstaates auf die „kleine Eiszeit“ zurück.

Quellen- und Literaturangabe:
Dörrer, A.,Cysat, Renward, in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957).
Glaser, R., Klimageschichte Mitteleuropas. 1200 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen, Darmstadt 2008.

Glaser, R., Kleine Eiszeit, in: Enzyklopädie der Neuzeit, Leiden 2014.
Hille, M., Mensch und Klima in der frühen Neuzeit. Die Anfange regelmäßiger Wetterbeobachtung, „Kleine Eiszeit“ und ihre Wahrnehmung bei Renward Cysat (1545-1613), in: Archiv für Kulturgeschichte 83, Böhlau 2001.
Reith, R., Umweltgeschichte der Frühen Neuzeit, München 2011.


Clara Elisa Bufi, 4. Fachsemester Geschichte (B.A.).