Opfer des Dreißigjährigen Krieges

12 Jun

Mit der Frage, wie viele Opfer der Dreißigjährige Krieg letztendlich forderte, beschäftigt sich auch die Geschichtswissenschaft schon länger und kommt zu dem eindeutigen Ergebnis, dass man kein eindeutiges Ergebnis feststellen kann. Zwar gibt es eine große Menge an Quellen, aus denen man Rückschlüsse auf Bevölkerungszahlen ziehen kann, jedoch beziehen diese sich stets nur auf einzelne Regionen oder Städte, sowie nur auf einzelne Kriegsjahre. Des Weiteren handelt es sich bei Quellen wie Steuerlisten, die die meisten Angaben enthalten, nicht um Zählungen der tatsächlichen Bevölkerungszahl, sondern lediglich der Haushalte. Auch Listen der wehrfähigen Männer, der Häuser und der Güter in einem Territorium sowie noch erhaltene Kirchenbücher sind für die Gesamtzahl der Einwohner nur bedingt aufschlussreich. Dass es keine flächendeckenden Zahlen gibt, verursacht ein weiteres Problem: Zwar kann man beispielsweise für manche Orte relativ genau feststellen, wie sich die Einwohnerzahl von einem Jahr zum nächsten entwickelte, nicht jedoch wie diese Entwicklung zustande kam. Ob also zum Beispiel in einem Dorf die Hälfte der Bevölkerung dem Kriege zum Opfer fiel oder lediglich in eine ruhigere Region floh, kann man nicht genau sagen. Schließlich ist noch anzumerken, dass man Zahlen aus einzelnen Regionen unmöglich auf das gesamte Kriegsgebiet hochrechnen kann. Die regionalen Unterschiede sind schlichtweg zu groß. So wurden beispielsweise Teile Preußens und Nordwestdeutschlands sowie die Alpenländer gar nicht oder nur kurzzeitig durch den Krieg in Mitleidenschaft gezogen. Städte wie Hamburg, Lübeck oder Zürich wuchsen sogar. Für Lübeck ist beispielsweise ein Wachstum von 22.570 auf 31.068 Einwohner zu verzeichnen. Die Bevölkerung Hamburgs wuchs zwischen 1600 und 1650 gar um 50% auf 60.000 Menschen an. Auf der anderen Seite jedoch gibt es Gebiete wie zum Beispiel die Grafschaft Henneberg, Teile Mecklenburgs und Pommerns oder auch Hessen, wo schätzungsweise 60-70 % der Bevölkerung dem Krieg zum Opfer fielen. Genauere Zahlen finden sich hier vor allem für Henneberg, wo ein starker Bevölkerungsverlust von über 41.000 Menschen überliefert ist. Das entspricht ca. 68% aller Einwohner. Einen Rückgang der Bevölkerung in etwa dem gleichen Ausmaße hatte auch die Insel Usedom zu beklagen, auf der im Jahr 1630 die Schweden landeten. Während dort vor dem Krieg noch 170 Bürger lebten, waren es nach dem Krieg nur noch 54. Diesen starken regionalen Unterschieden und den zuvor geschilderten Quellenproblemen ist es folglich geschuldet, dass es sich bei Angaben zur Gesamtzahl der Opfer des Dreißigjährigen Krieges stets um Durchschnittswerte oder Schätzungen handelt.

Eines kann man allerdings trotz all dieser Unsicherheiten mit Sicherheit sagen: die Zahl der unmittelbaren Opfer des Krieges, also der Gefallenen auf dem Schlachtfeld, war im Hinblick auf die Gesamtopferzahl relativ gering. Der Großteil der Toten ist vielmehr der Pest zuzuschreiben. Dass die Pesttoten aber dennoch zu den Opfern des Dreißigjährigen Krieges zu zählen sind, wird klar, wenn man sich die Umstände der Pestwelle vor Augen führt. In Friedenszeiten konnte die Bevölkerung bei Ausbruch einer Seuche aus den betroffenen Städten in eine andere Stadt oder auf das Land fliehen. Im Krieg war das nun nicht mehr möglich. Auch waren in den Kriegsgebieten bereits zahlreiche Menschen vom Land in die befestigten Städte geflohen, sodass diese völlig übervölkert waren. Dies bot der Pest einen besonders reichen Nährboden. Zum Beispiel starben in der Stadt Kassel allein im Jahr 1636 innerhalb weniger Monate 1.400 Menschen an der Seuche. Die Bevölkerung konnte sich von den Verlusten durch die Pest im Krieg zudem nur sehr langsam wieder erholen.
Eine Schätzung über die Gesamtzahl der Opfer des Dreißigjährigen Krieges abzugeben, ist also letztendlich nur schwer möglich. Günther Franz hat es im Jahr 1943 in einer Analyse der demographischen und agrargeschichtlichen Folgen des Krieges für das Reich dennoch versucht und ist zu einem Ergebnis gekommen, das auch nach heutigem Forschungsstand noch sehr realistisch erscheint. Es ist demnach von einem Bevölkerungsverlust von 40% der ländlichen und von 33% der städtischen Bevölkerung auszugehen. Im Jahr 1650 lebten somit anstelle von 16 Millionen nur etwa 10 Millionen Menschen auf deutschem Boden. Dass sich ein derartig tiefer Einschnitt auch tief in das kulturelle Gedächtnis der Deutschen eingeprägt hat, ist also alles andere als erstaunlich.

Literaturhinweise:

Eine ausführliche Einführung in die Geschichte und das Leben zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges:
Gotthard, Axel: Der Dreißigjährige Krieg. Eine Einführung, Köln/Weimar/Wien 2016.

Eine Analyse zu den demographischen und agrargeschichtlichen Folgen des Dreißigjährigen Krieges:
Franz, Günther: Der Dreißigjährige Krieg und das deutsche Volk (Quellen und Forschungen zur Agrargeschichte Band 7), 4., neubearbeitete und vermehrte Auflage, Stuttgart/New York 1979.


Simon Gabriel Uttenreuther, 4. Fachsemester Geschichte (B.A.).