Sklavenhandel

12 Jun

Bis zur offiziellen Abschaffung der Sklaverei in Brasilien im Jahr 1888 wurden circa 5,6 Mio. Afrikaner in die portugiesischen Kolonien zwangsverschifft – das entsprach etwa 46,7% aller Versklavten, die den afrikanischen Kontinent auf europäischen Schiffen verließen.
Rasch mischten sich weitere europäische Mächte in das Sklavengeschäft ein. Die Händler erkannten das Potenzial einer Gewinnmaximierung durch billige Arbeitskräfte.
So stiegen ab dem 17. Jhd. britische Handelskompanien, allen voran die Royal African Company, in den Sklavenhandel ein. Schon bald lösten sie Portugal als vorherrschenden Investor ab. Letztlich verantworten die Briten bis zum Slave Trade Act 1807, dem Verbot des Sklavenhandels, 26% aller Verschleppungen nach Amerika.
Daneben beteiligten sich Frankreich, die Niederlande und Spanien in nennenswertem Maße am transatlantischen Sklavenhandel.

1969 befasste sich der Historiker Philipp D. Curtin in seinem Werk The Atlantic Slave Trade: A Census als einer der Ersten eingehend mit dem Thema des transatlantischen Sklavenhandels und nannte, die heute immer noch weitgehend akzeptierte Zahl von 11 Mio. verschifften Afrikanern. Davon starben 1,5 Mio. während der Überfahrt. In den darauffolgenden Jahren widmete sich der kanadische Historiker Paul E. Lovejoy ebenfalls intensiv der Middle Passage. 1982 veröffentlichte er, basierend auf den Untersuchungen Curtins, die These, dass 1,9 Mio. Afrikaner auf See ihr Leben lassen mussten. Allerdings beleuchteten beide Untersuchungen nur Teilaspekte des transatlantischen Sklavenhandels wie die Aktivitäten einzelner Handelsgesellschaften oder die Anzahl von Überfahrten ausgehend von einzelnen Hafenstädten. Entsprechend lieferten die Daten kein umfassendes, zusammengehöriges Bild des transatlantischen Sklavenhandels.
Dies änderte sich 1999 grundlegend, als die Historiker David Eltis und David Richardson die Datenbank The Transatlantic Trade Slave ins Leben riefen. In einem aufwendigen Verfahren gelang ihnen die Zusammenführung der bisherigen Forschungsergebnisse zum transatlantischen Sklavenhandel in einer Datenbank, deren erweiterte Fassung aus dem Jahr 2008 bereits 34.808 Überfahrten dokumentiert. Mithilfe erhaltener Register, die zu Beginn der Überfahrten erstellt wurden, konnten bereits etwa 77% aller vermuteten Middle Passages erfasst und ausgewertet werden. Auf Grundlage dieser Daten kamen die Forscher überein, dass insgesamt zwischen 11,6 und 12 Mio. Afrikaner verschifft wurden, von denen 1,6 Mio. die Schiffsreise nicht überlebten – dies lässt auf eine durchschnittliche Sterberate von 13,7% zwischen dem 15. und 19. Jhd. schließen. Damit entspricht die Sterblichkeitsrate in den einzelnen Phasen des Sklavenhandels nahezu der Sterberate auf Soldaten- und Auswanderertransporten. Während sie sich im 17. Jhd. noch auf 30% belief, sank sie Anfang des 19. Jhd. auf 13-18% ab. Wie lässt sich dies erklären?
In erster Linie wurden die Europäer von wirtschaftlichen Motiven angetrieben. So erwies sich die Überfahrt nur dann als profitabel, wenn mindestens 2/3 der Sklaven überlebte. Entsprechend wurde versucht, das körperliche Leiden und die Entstehung von Epidemien durch ein Minimum an Hygiene vorzubeugen. Die Verschleppten mussten sich einmal am Tag mit Seewasser waschen und an Deck bewegen. Hinzukommend begleitete ein Arzt jeden Sklaventransport.

Obgleich die Sterblichkeitsrate nicht allzu schockierend anmuten mag, verstecken sich hinter diesen Zahlen eine Vielzahl von Einzelschicksalen. Traumatisierte Menschen, die enorme seelische Qualen durchlitten und ihre Menschlichkeit und Würde einbüßten.
Der Alptraum begann bereits bei der Gefangennahme. Neben Kriegsgefangenen (etwa 33%) und Entführten (etwa 33%) handelte es sich meist um Verurteilte der afrikanischen Justiz sowie Schuldnern. Die Gefangenen mussten weite Fußmärsche, sogenannte „Todesmärsche“, von ihrer innerafrikanischen Heimat bis an die westafrikanische Küste zurücklegen. Dort ereignete sich ihre Versteigerung auf regelrechten Sklavenmessen. In Käfigen wurden sie, wie Vieh, zu den Frachthäfen transportiert und erhielten dort eine Brandmarkung ihres Käufers. Anschließend musste die „Ware“ auf die Schiffe verfrachtet werden. Innerafrikanische Sklaven, die noch nie das Meer gesehen hatten und nicht schwimmen konnten, ertranken teils schon vor Reisebeginn bei der „Verladung“. Hinzukommend begegneten viele Verschleppte zum ersten Mal hellhäutigen Europäern. Ihrer Vorstellung von Geistern entsprechend, löste ihr Anblick Furcht und Schrecken aus. So traten sie die Überfahrt, ohne Kenntnis des Ziels, unter den eingangs geschilderten Zuständen an Bord an.
Bereits auf der Middle Passage packte zahlreiche Sklaven eine Hoffnungslosigkeit, die sie in den Selbstmord trieb. Einige versuchten erfolglos ihre Freiheit zu erkämpfen. Die meisten ergaben sich ohnmächtig ihrem Schicksal – ein kummervoller Vorgeschmack auf das unmenschliche Leid, das sie als Plantagenarbeiter in Amerika erwarten sollte.

Register of Africans from the Schooner "Ana Maria" 1821 (British National Archives, Foreign Office, ser. 84, vol. 9, p. 295): Quelle: http://www.slavevoyages.org/resources/images/category/Manuscripts
Register of Africans from the Schooner „Ana Maria“ 1821 (British National Archives, Foreign Office, ser. 84, vol. 9, p. 295): Quelle: http://www.slavevoyages.org/resources/images/category/Manuscripts

Literaturhinweise:
Priesching, Nicole: Sklaverei in der Neuzeit, Darmstadt 2014.
Wolfgang, Reinhard: Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415-2015, München 2016.
Zeuske, Michael: Handbuch Geschichte der Sklaverei. Eine Globalgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Berlin 2013.


Esther Lindenlauf, 4. Fachsemester Geschichte (B.A.).