Uneheliche Kinder im Mittelalter

12 Jun

Wenn man sich generell mit dem Thema Illegitimität im Mittelalter auseinandersetzt, fragt man sich möglicherweise auch wie viele uneheliche Kinder es überhaupt gab. Hierzu muss man sich ebenso mit dem sozialen Profil, wie auch mit den demographischen Verhältnissen des Mittelalters beschäftigen.

Eine gewisse Vorarbeit haben bereits ein paar wenige Mediävisten und Wissenschaftler anderer Fachbereiche geleistet. So fragt sich etwa Rolf Sprandel, ob der geschätzte Anteil von 1/3 in der Bevölkerung zu hoch gegriffen sei. Neithard Bulst, der in seinem Aufsatz die quantitativen Aspekte von Illegitimität im spätmittelalterlichen Europa beleuchtet, geht von einem deutlich geringeren Anteil aus.

Allerdings stellt die demographische und sozialgeschichtliche Behandlung illegitimer Kinder im Mittelalter immer noch eine Forschungslücke dar. Die zur Verfügung stehenden Quellen: Testamente, Aufnahmeregister von Findelhäusern, grundherrliche und allgemein weltliche Gerichtsakten, Legitimierungsgesuche an weltliche Herrscher, sowie Erwähnungen in Familienaufzeichnungen und daraus resultierend Genealogien liefern abweichende quantitative Aussagen und geben lediglich Auskunft über das Spätmittelalter. Aufgrund mangelnder Quellenzeugnisse im Früh-und Hochmittelalter ist es praktisch unmöglich die Zahl zu beziffern. Das mag auch daran liegen, dass die Akzeptanz von unehelichen Kindern in der Gesellschaft dort deutlich höher war. Zur Zeit der Merowinger und Karolinger konnten sogar die unehelichen Söhne aus königlichen Dynastien das Königsamt erlangen. Diese Unvollständigkeit an Kenntnissen gestaltet die Ermittlung einer durchschnittlichen Illegitimitätsrate äußerst diffizil. Auch die Zeitgenossen nahmen die Präsenz der unehelichen Kinder wahr. Trotzdem lassen sich nur sehr unspezifischen Aussagen aus diesen Quellen herausfiltern/ziehen.

Doch welche Arten von Illegitimen gab es bzw. aus welchen Verbindungen entstammten diese? Man kann ziemlich genau vier Arten von Verbindungen herausstellen. Zunächst wären dort diejenigen, die aus einem Konkubinat hervorgingen. Darunter versteht man das Zusammenleben der Eltern ohne Trauschein. Zweitens sind diejenigen Kinder zu verzeichnen, die aus einer Verbindung zwischen einem angesehen, meist adligen Mann und einer unstandesgemäßen Frau entsprangen, also durch bewussten Ehebruch herbeigeführt wurden. Eine dritte Herkunfts-Sparte bildet die amourösen Beziehungen des Klerus, der durch die Einhaltung des Zölibats eigentlich zur Enthaltsamkeit gezwungen war. Zuletzt wären die Kinder zu nennen, die aus einer Vereinigung mit der Absicht zu heiraten hervorgingen, bei der die Eltern aber zu arm waren und sich keine Hochzeit leisten konnten.

Am folgenden Beispiel soll nun der Versuch unternommen werden einen Ansatz zur Bestimmung der Anzahl von Illegitimen, mindestens eines Teilbereiches, zu geben. Diesen Ansatz zur quantitativen Erfassung unehelicher Kinder des Spätmittelalters bieten Suppliken an den Papst, die durch das Pönitentiarie- Register des Heiligen Stuhls überliefert sind. Unter einer Supplike versteht man eine Bittschrift, die gegen eine gewisse Gebühr von einem Petenten an eine kirchliche Instanz gerichtet wurde. Das besondere an diesen Suppliken war die Stellung des Petenten, der in den meisten Fällen illegitimer Abstammung war. Wenn die Supplike den Papst erreichte, gewährte dieser dem Bittsteller eine Dispens. Damit billigte der Papst das Abweichen von christlichen Normvorstellungen, hier der unehelichen Geburt, sodass der Betroffene von nun an legitimiert war. Die meisten Petenten strebten eine kirchliche Laufbahn an und bedurften zum Eintritt in einen Ordenskonvent dieses Dispenses. In dem untersuchten Zeitraum (1449-1553) sind 37.916 Petenten verzeichnet. Die Mehrzahl der Bittsteller waren männlich. Es wird lediglich ein sehr geringer Prozentsatz von weiblichen Illegitimen genannt. Interessant ist hier auch die soziale Stellung der Eltern. Die Mehrheit der Eltern (40%) gehörten dem Laienstand an. Lediglich 1,5% des geistlichen Standes begingen das Sakrament des Ehebruchs.

Neben diesem Register liefern die sogenannten „leyrwite“ Akten weitere quantitative Anhaltspunkte. Die verwendeten Akten stammen aus England und behandeln den Zeitraum 1270-1348. Sie verzeichnen Strafen für Unzucht und die daraus resultierenden Kinder. Laut diesen Akten kamen 7.6-10,85% aller Neugeborenen illegitim zur Welt.

Verlässliche Quellen wie Geburten- und Streberegister tauchten erst zum Ende des Mittelalters hin auf. Ein Beispiel ist hier das gut dokumentierte Geburtenregister von Siena, das ab 1381 methodisch alle Geburten und darunter auch die außerehelich geborenen aufnahm.

Schlussendlich bleibt festzuhalten, dass die quantitative Erfassung sich sehr problematisch gestaltet. Bei einer Gesamtbevölkerung von 40-50 Millionen würde ein Drittel ca. 13-17 Millionen uneheliche Kinder in ganz Europa bedeuten. Diese Zahl scheint tatsächlich sehr hoch gegriffen. Doch auch hier gilt: Die ungleiche Verteilung macht es schier unmöglich zu einem ganz genauen Ergebnis zu kommen.

Letztendlich müssen wir uns mit dem unbefriedigenden Ergebnis zufrieden geben, dass dieses Forschungsfeld noch nicht ausreichend erschlossen ist.

Literaturhinweise

Bulst, Neidhard: Illegitime Kinder-viele oder wenige? Quantitative Aspekte der Illegitimität im spätmittelalterlichen Europa, in: Schmugge, Ludwig unter Mitarbeit von Wiggenhauser, Béatrice(Hrsg.): Illegitimität im Spätmittelalter, München 1994, S. 21-39.

Schmugge, Ludwig: Schleichwege zu Pfründe und Altar. Päpstliche Dispense vom Geburtsmakel 1449-1553, München 1994.

Schulz, Corinna: Von Bastarden und natürlichen Kindern. Der illegitime Nachwuchs der mecklenburgischen Herzöge 1600-1830, in: Jandausch, Katleen/ Manke, Matthias/ Schoebel, Martin/ Wiese, René (Hrsg.): Quellen und Studien aus den Landesarchiven Mecklenburgs-Vorpommerns, 17 Köln u.a. 2015.


Gloria Alina Felder, 4. Fachsemester Geschichte (B.A.).