Wie viele Juden gab es in Deutschland?

12 Jun

Eine frühe zahlenmäßige Angabe lässt sich für das fränkische Frühmittelalter finden. Avraham Grossman untersuchte urkundliche Erwähnungen von jüdischen Familien im 9. und 10. Jahrhundert. Aus dieser Zahl an Familien errechnete er, dass höchstens 4000 jüdische Personen damals im fränkischen Reich gelebt haben. Ende des 11. Jahrhunderts soll die Zahl der jüdischen Einwohner auf dem „Reichsgebiet“ bei 20.000 bis 25.000 gelegen haben. Richtig verlässlich lässt sich für das gesamte Mittelalter nur ein deutlicher Anstieg in Zentraleuropa konstatieren. Hauptgrund waren vor allem geringere Sterblichkeitsraten im Vergleich zur katholischen Bevölkerung. Ende des 13. Jahrhunderts wird die Zahl der Juden auf ungefähr 100.000 geschätzt. Grundlage dafür, wie für viele „vorstatistische“ Zahlen, sind hochgerechnete Schätzungen von Mitgliederzahlen einzelner Gemeinden.

Den ersten größeren Einbruch in der jüdischen Bevölkerung verzeichnete das 14. Jahrhundert. Die Pest wütete zu der Zeit in Europa. Die Juden wurden dabei schnell zum Sündenbock für den schwarzen Tod auserkoren. Sie sollten Brunnen vergiftet haben und erkrankten darüber hinaus seltener. Dies lag zwar vorrangig an ihren religiös bedingten hygienisch besseren Lebensumständen, doch dies wussten die Zeitgenossen nicht. Folglich wurden große Teile der europäischen jüdischen Bevölkerung ermordet. Ende des 14. Jahrhundert war die Zahl der Juden auf lediglich 40.000 Menschen eingebrochen. Selbst Ende des 15. Jahrhunderts hatte sie sich nicht annähernd erholt und wird deutlich unter 80.000 verortet. Eine Erholung der Bevölkerung stellte sich sobald auch nicht ein. Bis ins 19. Jahrhundert hinein blieb die Zahl der Juden auf dem heute deutschem Gebiet Mitteleuropas nahezu konstant. Sie lag in dieser Zeit vermutlich zwischen 70.000 und 100.000.

Ab ungefähr 1800 lassen sich einigermaßen verlässlich Bevölkerungszahlen aufstellen. Dies hat vor allem damit zu tun, dass nun das „statistische Zeitalter“ begonnen hatte. Von nun an wurde von Zeitgenossen zeitgenössisch Buch geführt. Es wurden Aufstellungen und Übersichten erstellt, die heutigen Wissenschaftlern das Arbeiten deutlich erleichtern. Das war aber natürlich nicht deren Intention bei der Abfassung solcher Listen. Sie sind vielmehr ein Produkt staatlicher Modernisierung. Die im Mittelalter schwache örtliche Durchsetzung der Zentralgewalt eines Herrschers verschwand, Herrschaft wurde von der Person des Herrschers gelöst. Bürokratien und Beamte kamen auf, geregelte Steuern wurden eingetrieben und verbucht. Diese Entwicklungen zur immer genaueren Erfassung der Bevölkerung gipfeln in den ersten Volkszählungen nach heutigem Verständnis, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts etabliert sind. Die Zahlen, die nun vorliegen sind also deutlich zuverlässiger. Sie zeigen ein deutliches und kontinuierliches Anwachsen der jüdischen Bevölkerung, von knapp 300.000 nach den Napoleonischen Kriegen auf bald 400.000 zu Zeiten der Märzrevolution 1848. Eine erste amtliche Zählung aus dem Jahre der Reichsgründung liegt ebenfalls in diesem Trend und zählt 512.000 Juden im neu gegründeten Kaiserreich.

Mit der statistischen Erfassung von „Juden“ stellt sich die Frage: Wer ist eigentlich „Jude“? Denn wie bei so vielen statistischen Gruppenbildungen hat auch dieser Begriff keine klare Trennschärfe. Fallen darunter Kinder jüdischer Eltern, obwohl sie den Glauben nie praktiziert haben? Werden in überkonfessionellen Ehen beide Ehepartner als Juden verzeichnet? Und wie sieht es mit den Kindern aus dieser Ehe aus? Solche Fragen wurden von Erfassung zu Erfassung unterschiedlich gehandhabt.

Bis Mitte der 1920er Jahre steigt die Zahl der Juden weiter auf etwa bis auf etwa 600.000. Dies ist der Hochpunkt der Entwicklung, in Deutschland lebten nie mehr Juden als zu dieser Zeit. Und doch bleiben sie eine verschwindend kleine Minderheit. Selbst zu dieser Hochphase lag der jüdische Anteil bei lediglich einem Prozent.

Nach dem nationalsozialistische Völkermord waren es noch 14.000.

Die jüdische Gemeinde in Deutschland, einst eine der größten in Westeuropa, hat sich bis heute nicht von diesem Einschnitt erholt. Sie wächst wieder, durchbrach Anfang der 2000er Jahre die Grenze von 100.000 Mitgliedern. Doch ein so facettenreiches, buntes und präsentes jüdisches Leben wie einst, wird es in Deutschland wohl nie wieder geben.

Literaturhinweise:

Toch, Michael: Die Juden im mittelalterlichen Reich (EDG, Bd. 44), München 1998.#

Kotowski, Elke-Vera; Schoeps, Julius H.; Wallenborn, Hiltrud (Hrsg.): Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa. Religion, Kultur, Alltag (Bd. II), Darmstadt 2001.

Ben-Sasson, Haim Hillel (Hrsg.): Geschichte des jüdischen Volkes. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 52007.

Volkov, Shulamit: Die Juden in Deutschland 1780-1918 (EDG Bd. 16), München 2000.

Richarz, Monika (Hrsg.): Jüdisches Leben in Deutschland. Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte 1918-1945 (Bd. 3), Stuttgart 1982.


Elias Nüse, 4. Fachsemester Geschichte (B.A.).